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Pflanzliche Lebertherapeutika

Von Leberblümchen und Geelwurtz

10.01.2011
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Von Sabine Anagnostou / Jahrhundertelang galten vor allem Pflanzen als wichtigste Heilmittel zur Behandlung von Lebererkrankungen. Einige wenige von ihnen sind bis heute in unserem Arzneischatz vertreten und zeigen, dass eine uralte Tradition in der Anwendung einer Arzneipflanze durchaus ein Hinweis für eine heutige Verwendbarkeit in der Phytotherapie sein kann.

Heilpflanzen waren viele Jahrhunderte lang die wichtigsten Arzneien, mit denen man unterschiedliche Erkrankungen der Leber wie der Galle zu therapieren versuchte. Wenn auch die umfassende Geschichte dieser Arzneipflanzen noch zu schreiben ist, steht doch fest, dass einige von ihnen ihren Weg in die heutige Pharmazie gefunden haben und nach wie vor zur Behandlung von Leber- und Galleerkrankungen eingesetzt werden.

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Ein historisch-analytischer Blick auf diese Pflanzen offenbart, dass eine nachweisbare uralte Tradition in der heilkundlichen Anwendung, die sich dann nicht selten mit Untersuchungen hinsichtlich wirksamer Inhaltsstoffe untermauern lässt, durchaus vielversprechende Ansätze für die Entwicklung von Phytotherapeutika bieten kann.

 

Historisches zur Hepatoskopie

 

Vorstellungen von Beschaffenheit, Funktion und Erkrankungen der Leber sind schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend nachweisbar. In assyrisch-babylonischer Zeit galt die Opferleber als hochgeschätztes Medium des Orakelwesens, deren spezifisches Erscheinungsbild man gleichsam als Spiegel zukünftiger Ereignisse jeder Art deutete.

Diese von entsprechend ausgebildeten Opferpriestern ausgeübte Kunst der Leberschau fand weite Verbreitung und wurde dann von den Griechen und Römern ebenso praktiziert wie von den Etruskern. Tonmodelle von Schafslebern aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (Abbildung 1), die bereits anatomische Details erkennen lassen, weisen neben Abbildungen auf Gefäßen und schriftlichen Quellen die Leberschau als wichtiges Element altertümlicher und antiker Kultur aus.

 

Historisches zur Anatomie

 

Wenn auch bereits in babylonischen und ägyptischen medizinischen Schriften einige anatomische Kenntnisse der Leber überliefert sind, setzten sich wohl zunächst die griechischen Ärzte und Gelehrten wie Hippokrates von Kos (5. und 4. Jh. v. Chr.), Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) und Galenos von Pergamon (129 bis circa 201/216 n. Chr.) innerhalb ihrer wissenschaftlichen Konzepte – darunter die Qualitäten- und Humoralpathologie – sowohl empirisch wie spekulativ mit der Funktion der Leber und Galle intensiv auseinander, erkannten bereits das Pfortadersystem und entwickelten diverse Theorien zu Morphologie, Anatomie, Physiologie und Pathologie der Leber. Diese galt übrigens verschiedentlich als Ort der Blutproduktion, aber auch als Sitz der Lebenskraft, der Seele und diverser Affekte wie der Liebe und des Zornes – Annahmen, die heute noch in Redensarten wie »es ist mir eine Laus über die Leber gelaufen«, »frei von der Leber weg« oder »beleidigte Leberwurst« anklingen. (1)

 

Die antiken Lehren bestimmten weitgehend die mittelalterlichen Vorstellungen von der Leber und ihrer Bedeutung. Erst mit den neuen Ergebnissen aus empirischen Studien großer Gelehrter wie Andreas Vesal (1514 bis 1564), dessen berühmtes Werk De humani corporis fabrica (1543) auch einen Meilenstein der Leberforschung darstellt, in der Frühen Neuzeit trat die Anatomie in eine neue wegweisende Phase. In den folgenden Jahrhunderten konnte man im Zuge der Entwicklung einer wissenschaftlichen Medizin etwa mit der mikroskopischen Entdeckung der Leberzellen, der Kupfferschen Sternzellen oder der Gallenkapillaren das Wissen über Bau und Funktion der Leber samt Galle beträchtlich erweitern und so den Weg zu modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen beschreiten. (2)

 

Historisches zu Lebererkrankungen

 

Die antiken Heilkundigen waren mit Verletzungen der Leber, die man in der Regel als tödlich ansah, wohl vertraut, erkannten auch Zusammenhänge bestimmter pathologischer Symptomenkomplexe mit Erkrankungen der Leber und entwickelten zum Teil differenzierte Theorien zur Pathologie. So interpretierte man den Ikteros (Gelbsucht), der nach den Prinzipien der Qualitäten- und Humoralpathologie prinzipiell in einem Überschuss an gelber Galle begründet sein sollte, vor allem als ein Leberleiden. Das Wort Ikteros leitet sich nach Angaben antiker Autoren von einem Tier namens iktis – möglicherweise eine Marder- oder Wieselart –, dessen Augen angeblich gelb leuchteten, oder von einem gelb gefärbten Vogel dieses Namens ab, dessen Anblick Gelbsüchtigen zur Genesung verhelfe. Es ist offensichtlich, dass sich diese eng mit uralten magischen Konzepten verwobenen Vorstellungen auf die Gelbfärbung der Haut und der Bindehaut als unübersehbares Symptom des Ikterus beziehen. Galenos entwickelte eine differenzierte Ikteruslehre, die mehrere Formen der Gelbsucht mit unterschiedlichen Ursachen beinhaltete, und wies darauf hin, dass nicht jede Gelbsucht auf eine Lebererkrankung zurückzuführen sei. Ähnlich unspezifisch wie der Terminus Ikterus oder Gelbsucht, der freilich auch die immer wieder epidemisch auftretenden Virus-Hepatitiden einschloss, blieb auch viele Jahrhunderte hindurch der auf das griechische Wort hepatitis für Leberader zurückgehende Begriff Hepatitis. Diente er doch als umfassende Bezeichnung für jegliche Erkrankung der Leber, sogenannte »Leberentzündungen«, deren wahre Ursachen man nicht kannte. Schrumpfungen und Verhärtungen (skirros) als Folge von akuten Entzündungen des Organs waren den griechischen und römischen Ärzten bekannt, ohne dass sie freilich eine Diagnose im heutigen Sinne einer Leberzirrhose stellen konnten. Das Gallensteinleiden entdeckte man indes erst im späten Mittelalter. Das noch wenig differenzierte Wissen über Lebererkrankungen spiegelt sich in der Vielfalt der deutschen Bezeichnungen wider, mit denen etwa die Autoren der frühneuzeitlichen Kräuterbücher wie Hieronymus Bock (1498 bis 1554) und Adam Lonitzer (1528 bis 1586) Krankheitszustände der Leber zu charakterisieren versuchten, etwa Geelsucht, Gälsucht, Lebersucht, Leberverstopfung, Lebergeschwulst, Leberfluß oder Leberverhärtung. (3)

 

Pflanzen als Leberarzneien

 

Die Behandlung der Lebererkrankungen konnte entsprechend der geringen Kenntnisse auf den Gebieten der Anatomie, Ätiologie und Pathologie jahrhundertelang freilich nur symptomatisch und unspezifisch bleiben und war den jeweiligen zeitgenössischen Krankheits- und Therapiekonzepten, hier vor allem der galenischen Qualitäten- und Humoralpathologie, verhaftet. Mittels Skarifikationen (Schröpfen), Aderlass, dem Ansetzen von Blutegeln, der Verordnung von Klysmen sowie der Gabe von Purgantien sollten überschüssige und damit krankheitsverursachende Körpersäfte entfernt werden. Vorschriften für eine gesunde Lebensweise, die sich ebenso auf die Ernährung wie auf körperliche Betätigung und Schlaf richtete, aber auch Bäder und Massagen vorsah, ergänzten die Therapien. Die Fülle von Heilmitteln verabreichten die antiken Ärzte in zahlreichen innerlich wie äußerlich zu applizierenden Zubereitungen wie Tränken, Lecksäften, Pillen, Kataplasmen und Einreibungen. Obgleich neben vegetabilen Heilmitteln auch viele, etwa in der berühmten Naturgeschichte Naturalis historia des römischen Enzyklopädisten Plinius (23/24 bis 79 n. Chr.) verzeichnete, tierische Drogen wie Wolfsleber, Eselsleber, Bocksblut und Adlerhirn, deren Anwendung nach der Signaturenlehre und magischen Praktiken erfolgte, zum Einsatz kamen, nahmen Heilpflanzen über viele Jahrhunderte den weitaus größten Teil der Materia medica ein. Nicht selten orientierte man sich bei der Auswahl der Pflanzen an Merkmalen, die man im Sinne der Signaturenlehre als Hinweis auf ihre Similewirkungen deutete: Deshalb dienten zur Behandlung der Gelbsucht Pflanzen, die gelbe Bestandteile aufwiesen (Chromoanalogie) wie Schöllkraut und Safran, oder Vegetabilien, deren äußere Gestalt als Zeichen für ihre Heilkraft bei Lebererkrankungen (Morphoanalogie) gedeutet wurde. Dementsprechend setzte man das Leberblümchen aufgrund seiner leberähnlich geformten Blätter gegen Leberleiden ein. Die vielfältigen Versuche, Lebererkrankungen mit Vegetabilien zu behandeln – im Mittelalter benutzt man mindestens um die 200 verschiedene Spezies und auch die frühneuzeitlichen Kräuterbücher weisen eine große Zahl von Heilpflanzen gegen unterschiedliche Lebererkrankungen auf –, spiegeln sich auch in volkstümlichen Pflanzennamen wie Leberklee, Leberkraut, Leberblümchen, Lebermoos, Leberraute, Leberdistel und Leberkletten, die nicht immer einer einzigen Spezies vorbehalten waren, wider. Aus der Fülle der Heilpflanzen, die viele Jahrhunderte gegen Leberleiden gebräuchlich waren, fanden etliche Eingang in offizinelle Arzneibücher und einige bereichern unseren Arzneischatz bis heute. (4)

»Sehr gut der bösen Leber«

 

Das Leberblümchen (Hepatica nobilis Mill.) verdankt seinen Namen seinen an das Aussehen der Leber erinnernden Blättern (Abbildung 2). Bereits im mittelalterlichen Gart der Gesundheit (1485) heißt es in Kapitel 156 von der Epatica oder dem Lebberkrut: »Ein Trank von diesem Kraut ist sehr gut der bösen Leber und erfrischt sie. Epatica in Wein gelegt und davon getrunken, heilt die Gelbsucht.« In den frühneuzeitlichen Kräuterbüchern wird die oft als Edel Leberkraut bezeichnete Pflanze dann ebenfalls als Lebertherapeutikum beschrieben, sie sollte insbesondere Verstopfungen der Leber beheben und kühlend auf das Organ wirken. So schreibt der Apotheker und Kräuterbuchautor Tabernaemontanus (1522 bis 1590): »Es wird dies Kraut sonderlich gerühmt und gelobet die Leber zu stärcken, und sie zu eröffnen, wann sie verstoppft ist, in Wein gesotten und darvon getruncken.« (5) (Abbildung 3) Noch im 18. Jh. galt das Leberkraut, wie der Apotheker Johann Wilhelm Weinmann (1683 bis 1741) in seiner Phytanthoza iconographia berichtet, als probates Lebertherapeutikum, das als Trank, Tee oder Kräuterwein verabreicht wurde. (6)

Seit dem 19. Jh. indes verlor das Leberblümchen als offi­zinelle Arzneipflanze offenbar zunehmend an Bedeutung und fand allenfalls noch volksmedizinisch Anwendung. Heute ist die einst so angesehene Pflanze als Thera­peu­tikum bei Leberkrankheiten obsolet, nur die Homöopa­thie und Volksmedizin bedienen sich ihrer noch gelegent­lich. Detaillierte analytische und pharmakologische Untersu­chungen zum Leberblümchen stehen bislang aus.

 

Rettich löst »böse« Körpersäfte

 

Der Rettich (Raphanus sativus L.) (Abbildung 4) ist seit Jahrhunderten ein Element der europäischen Heilkunde. Er ist in den medizinisch-pharmazeutischen Schriften der antiken Ärzte ebenso vertreten wie in den mittelalterlichen Werken der Klostermedizin wie dem Hortulus des Walahfrid Strabo (808/9–849) und pharmazeutischen Kompendien wie dem Circa instans. Spätestens seit dem 15. Jh. gehören Rettichwurzel, -samen und gebranntes Rettichwasser zu den Arzneivorräten der Apotheken. Obgleich dem Rettich immer wieder die Eigenschaft zugesprochen wurde, »böse« Körpersäfte aufzulösen und auszutreiben, die man im Prinzip auch als Ursache für Lebererkrankungen verstand, ist seine Anwendung als Mittel gegen Leberverstopfung und Gelbsucht erst in den Kräuterbüchern der Frühen Neuzeit explizit aufgeführt (Abbildung 5). So verweist der Frankfurter Stadtphysikus Adam Lonitzer in seinem Kreuterbuch ausdrücklich auf die Heilkraft des Rettichwassers bei Gelbsucht, während nach Tabernaemontanus eine Abkochung des Rettichs Verstopfungen der Leber lösen sollte. (7)

Im 18. Jh. erklärt Weinmann dann, Rettichsaft löse Verstopfungen der Leber und heile deshalb die daraus entstehende Gelbsucht. Obwohl der Rettich damit mindestens zwei Jahrhunderte lang als Leberheilmittel anerkannt war, verlor man bis Anfang des 20. Jh. das Interesse an dieser Indikation. In Geigers Universalphar­makopöe von 1845 heißt es lakonisch: »hodie exolevit«, heute obsolet. (8) Im Verlauf des 20. Jh. indes besann man sich offenbar der alten Anwendung, denn mit Fertigarzneimitteln wie Heparsal®, das vorwiegend aus Saft des schwarzen Rettichs bestand, und Nigraphan®, das einen Auszug aus Schwarzrettichsaft enthielt und als Pulver oder Dragees zur Verfügung stand, kamen Präparate in den Handel, die zur Behandlung von Leber- und Galleerkrankungen bestimmt waren. (9) Wenn heute auch noch diverse Zubereitungen aus Rettich unter anderem gegen Verdauungsbeschwerden angeboten werden, ist diese Glucosinolate führende Heilpflanze bei uns heute nur noch von untergeordneter Bedeutung.

 

Curcuma, die Geelsuchtwurtzel

 

Die Gelbwurz (Curcuma longa L.) ist ein uraltes Gewürz- und Heilmittel und gehörte schon zum altindischen Arzneischatz. Es ist indes höchst fraglich, ob die Griechen und Römer sie als Arzneipflanze anwandten, wenngleich sowohl Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) als auch Plinius von einer indischen, ingwerähnlichen Wurzel namens Kypeiros beziehungsweise cypira, die beim Kauen safrangelb werde, einen bitteren Geschmack habe und Wirkungen wie der Safran entfalte, berichten.

In mittelalterlichen arabischen Quellen taucht die Gelbwurz dann unter der Bezeichnung kurkum mit dem Hinweis auf, sie werde auch Safran genannt, weil sie ebenso gelb färbe. Die zusätzliche Verwechslung mit dem von Dioskurides beschriebenen Schöllkraut führte dazu, dass man dessen angebliche Heilkräfte auf die Gelbwurz übertrug, sodass sich die eindeutige Identifizierung der Gelbwurz im mittelalterlichen Schrifttum mitunter als problematisch erweist. Die Kräuterbuchautoren der Frühen Neuzeit sahen die Gelbwurz als eine exotische Droge an und schrieben der als Gilbwurtz, Geelsuchtwurtzel, Curcuma, Cyperus indicus oder Terra merita bezeichneten Wurzel nicht zuletzt unter Berufung auf die arabische Überlieferung Heilkräfte gegen Gelbsucht und Leberleiden zu. Tabernaemontanus empfielt daher: »Diese Wurtzel mit Saffran und Weyrauch gebraucht drey Morgen nach einander, vertreibt die Geelsucht.« (10) (Abbildung 6)

 

Die exotische Droge fand schließlich Eingang in die offizinelle Pharmazie und ist in zahlreichen Länderpharma­kopöen verzeichnet. Nach der Pharmacopoea Wirtenber­gica (1760) kam die Gelbwurz – bezeichnenderweise gibt die Pharmakopöe die volkstümlichen Namen Safran d‘Indes und Gelber Ingwer an – aus dem Orient und wurde als Heilmittel gegen Gelbsucht empfohlen. Weinmann bemerkt 1739 im zweiten Band seiner Phytanthoza iconographia, viele Arzneien, vor allem gegen Gelbsucht, würden aus der Wurzeldroge bereitet, doch diene sie auch Handwerkern wie Färbern, Malern und Tuchmachern als Farbstoff und in ihrer ostindischen Heimat schätze man sie als unersetzliches Gewürz, ohne das den Einheimischen keine Speise munde.

Im Verlauf des 19. Jh. verlor die Curcuma ihr Ansehen als Arzneidroge und diente, obgleich man sich mitunter ihrer einstigen Anwendung gegen Ikterus entsann, nur noch als Färbemittel in Handwerk und Lebensmittelproduktion sowie als Gewürz, unter anderem als Bestandteil des Currypulvers (Abbildung 7). Seit dem ersten Drittel des 20. Jh. rückte mit der Javanischen Gelbwurz (Curcuma xanthorrhiza Roxb.) zusehends eine zweite Spezies in das Interesse der Pharmazeuten und Mediziner, die wohl unter Vermittlung der Niederländer aus dem ostasiatischen Raum nach Europa kam und hier unter anderem in Form des Handelspräparats Heparlitol® nach indigenem Vorbild bei Leber- und Galleerkrankungen eingesetzt wurde. Diverse curcumahaltige Arzneimittel waren zeitweilig im Handel (Abbildung 8). Während man noch in den 70er-Jahren des 20. Jh. Curcuma longa als Farbstoff- und Gewürzdroge, Curcuma xanthorrhiza dagegen zur Behandlung von Leber- und Galleleiden ansah, gelten heute beide aufgrund ihres Gehalts an Ätherischem Öl und Curcumino­iden choleretisch und cholecystokinetisch wirkenden Spezies als gleichwertig und werden als Therapeutika bei Magen-Darm-Galle-Beschwerden sowie kleineren bili­ären Funktionsstörungen empfohlen. (11)

 

Schöll-, Schwalben-, Gilbkraut

 

Schon die antiken Lehrmeister der Heilkunde bedienten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit des Schöllkrauts (Chelidonium majus L.) zur Therapie von Lebererkrankungen und Gelbsucht. Dioskurides sprach von einer Pflanze mit safrangelbem Saft namens Chelidonion, die mit Anis und Wein eingenommen, den Gelbsüchtigen gute Dienste leistete. Die Bezeichnung Chelidonion (Schwalbenkraut) verlieh man der Pflanze angeblich, weil ihr Wachstum mit der Ankunft der Schwalben begann und mit deren Abzug endete. Indes sei nicht verschwiegen, dass auch anderen Arzneipflanzen der Name Chelidonium beigelegt wurde, sodass die Identität gerade in der vielschichtigen mittelalterlichen Überlieferung nicht stringent als gesichert gelten darf.

Während des Mittelalters blieb das Schöllkraut sowohl im arabischen wie lateinischen Schrifttum präsent, wobei im­mer wieder sein bereinigender Einfluss auf die Körpersäfte beziehungsweise explizit seine Heilkraft bei Verdauungs­beschwerden, Lebererkrankungen oder Gelbsucht Erwäh­nung finden. Im spätmittelalterlichen Gart der Gesundheit (1485) ist in Kapitel 85 schließlich zu lesen: »Welcher die gelesucht hette, der drinck von schelwuortz [Schöllkraut], er geneset.« (Abbildung 9) Die frühneuzeitlichen Kräuter­buchautoren setzten diese alte Tradition fort. So erklärte der italienische Arzt und Gelehrte Pietro Andrea Mattioli (1501 bis 1577) in seinem wirkmächtigen Kreutter­buch: »Schölwurtz mit Anißkörnern in gutem Wein gesotten und getruncken, öffnet die Leber, und vertreibt die Geelsucht. [...] man macht auch ein gut extract darauß, der Leber sonderlich dienstlich.« (Abbildung 10)

 

Die seit dem Mittelalter den Arzneischatz der Apotheken bereichernde Droge fand Aufnahme in zahlreiche Arznei­bücher und kam in vielfältigen Zubereitungen zur Anwen­dung. Die Pharmacopoea Wirtenbergica (1760) verzeich­net Schöllkraut als Heilmittel gegen Gelbsucht und Verstopfungen der Leber (Abbildung 11).

Im 19. Jh. ließ das Interesse am Schöllkraut zwar nach, doch geriet sein Gebrauch nie in Vergessenheit. Im Jahre 1824 entdeckte ein gewisser Godefroy das Alkaloid Cheli­donin, woraufhin detaillierte analytische Untersuchungen weiterer Inhaltsstoffe erfolgten. Der Mediziner und Spagyriker Johann Gottfried Rademacher (1772 bis 1850), der Begründer der umstrittenen Erfahrungsheillehre, maß dem Schöllkraut eine große Heilkraft gegen diverse Leberleiden bei und verabreichte es seinen Patienten in Form der Tinctura Chelidonii Rademacheri, die noch im Ergänzungsband zum Deutschen Arzneibuch 6 und selbst im aktuellen Synonymverzeichnis aufgeführt ist. Im 20. Jh. kamen zeitweilig immer wieder schöllkrauthaltige Fertigarzneimittel wie Cholauran®, Cholauxanol®, Choledoron® und Panchelidon® zur Therapie von Leber- und Galleleiden in den Handel, und Ärzte wie Apotheker widmeten sich immer wieder Untersuchungen zur Wirkung der Heilpflanze. (12)

 

Das Schöllkraut ist heute offizinelle Droge der Pharmacopoea Europaea 6 und wird in zahlreichen Kombinationspräparaten zur Behandlung von krampfartigen Schmerzen im Gastrointestinaltrakt und im Bereich der Gallewege angeboten, die entweder den Extrakt oder homöopathische Dilutionen der Droge enthalten.

Eine alte Heilpflanze neu entdeckt

 

Die medizinisch-pharmazeutische Tradition der Artischocke (Cynara scolymus L.) konnte bislang nur in Fragmenten rekonstruiert werden (Abbildung 12). Ob die in der Materia medica des Dioskurides unter der Bezeichnung skolymus beschriebene Pflanze die Artischocke darstellt, ist ungewiss. Im frühen Mittelalter kannte man sie offensichtlich als Heilpflanze, taucht sie doch einmal im Lorscher Arzneibuch unter dem Begriff cinara auf, doch fehlt sie in den Werken zur Klostermedizin gänzlich. Erst unter Vermittlung der Araber wandte sich das Interesse der europäischen Heilkundigen der Artischocke zu, deren Name von der arabischen Bezeichnung al-harsuf abgeleitet sein soll. Hinweise, dass sie als Heilmittel bei Lebererkrankungen eingesetzt wurde, gibt es weder in antiken noch in mittelalterlichen Zeiten. Erst Hieronymus Bock merkt im 16. Jh. in seinem Kreütterbuch zur als Welschdistel oder Strobildorn bezeichneten Artischocke an, sie eigne sich zur Behandlung von Leberverstopfung und Gelbsucht (Abbildung 13), eine Anwendung, die dann auch Tabernaemontanus aufgreift. Diese Tradition ist noch im 18. Jh. nachweisbar, wenn Weinmann in seinem pharmakobotanischen Werk festhält, das Destillat aus Kraut und Wurzel der Artischocke werde gegen Leberverstopfung gebraucht und sei ein »herrliches Mittel« zur Behandlung der Gelbsucht. Seit dem 19. Jh. geriet die Artischocke als Arzneipflanze nahezu in Vergessenheit. Mitte des 20. Jh. beschrieben Wissenschaftler aber die cholesterinsenkende Wirkung des Inhaltsstoffes Cynarin, wovon man sich eine günstige Wirkung bei Arteriosklerose versprach. In den 70er-Jahren galten Artischockenblätter als Choleretikum und Therapeutikum bei Leberinsuffizienz. (13)

In den vergangenen zehn Jahren bereicherten zahlreiche neue Forschungsergebnisse die Kenntnisse über die Wirkungen von Artischockenblättern signifikant, sodass sie heute zur Therapie dyspeptischer Beschwerden, bei Fettstoffwechselstörungen und zur Arterioskleroseprävention empfohlen werden.

 

Fünfhundert Jahre Leberarznei

 

In antiken und mittelalterlichen Schriften lässt sich die Mariendistel (Silybum marianum [L.] Gaertn.), die im deutschsprachigen Raum auch unter den Namen Vehedistel, Weißdistel, Stechkraut und Frauendistel bekannt wurde, zwar nachweisen, doch erachtete man sillybon, wie Plinius uns wissen lässt: »in medicina nullum usus habet«, offensichtlich nicht als wichtiges Heilmittel. In der Frühen Neuzeit beschreiben die Kräuterbuchautoren dagegen ihre Heilkraft bei Lebererkrankungen und Gelbsucht. Leonhart Fuchs (1501 bis 1566) rühmt in seinem New Kreüterbuch (1543) sogar ihre Wirkung gegen Gifte (Abbildung 14).

Bis ins 18. Jh. galten »Leberverstopfung« und die ver­meint­lich daraus resultierende Gelbsucht als Indikation für diese Heilpflanze, die in Apotheken als Kraut-, Wurzel- oder Samendroge oder Destillat zur Verfügung stand. Zwar nahm das Interesse der Pharmazie an der Marien­distel im 19. Jh. ab, doch blieb sie vor allem in den Kreisen der Erfahrungsheilkunde als Lebertherapeutikum geschätzt und wurde unter anderem als Tinctura Cardui Mariae Rademacher (Rademachersche Stechkörner­tinktur) verabreicht, die bis heute im Synonymverzeichnis gelistet ist. Im Verlauf des 20. Jh. erfolgte dann mit dem Nachweis der hepatoprotektiven Wirkung im Tierversuch (1949) und der Isolierung des Flavonolignangemisches Silymarin (1969) die systematische Erforschung der Inhaltsstoffe, und Zubereitungen aus Mariendistelfrüchten kamen als Fertigarzneimittel in den Handel (Abbildung 15). Heute wird Silymarin aufgrund seiner hepatoprotek­tiven und antiproliferativen Eigenschaften als Adjuvans bei Lebererkrankungen empfohlen, die Hauptwirksubstanz Silibinin gilt als Therapeutikum bei Knollenblätterpilzvergiftungen. (14)

Zusammenfassung

 

Schon die Heilkundigen des Altertums und der Antike versuchten, Bau und Funktion der Leber zu erkunden und Erkrankungen zu therapieren.

Für die medikamentöse Behandlung bedienten sie sich vor allem pflanzlicher Arzneien, deren Anwendung und Wirkung sie im Kontext zeitgenössischer Krankheits- und Therapiekonzepte begründeten. Die Behandlung von Lebererkrankungen mit einer Fülle unterschiedlicher Heilpflanzen blieb bis weit ins 18. Jh. hinein eine wichtige Therapieoption. Nicht wenige dieser Pflanzen weisen daher eine mehrere Jahrhunderte alte und zum Teil bis in die Antike reichende Tradition als Leberheilmittel auf. Einige von ihnen wie das Leberblümchen oder der Rettich sind heute obsolet beziehungsweise kaum mehr gebräuchlich, andere dagegen wie die Gelbwurz, das Schöllkraut und die Mariendistel bereichern auch heute noch die Materia medica und werden, weitgehend durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse begründet, zur (adjuvanten) Therapie von Leber- und Galleerkrankungen oder dyspeptischer Beschwerden eingesetzt. Die Geschichte pflanzlicher Lebertherapeutika zeigt, dass eine jahrhundertealte und damit traditionelle Anwendung einer Arzneipflanze, freilich stets korrekt im zeitgenössischen Kontext verstanden, durchaus Hinweise auf eine heutige Verwendbarkeit als Phytotherapeutikum oder Lieferant von Wirkstoffen geben kann. /

Literatur

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N. Mani: Die historischen Grundlagen der Leberforschung. II. Teil. (Basler Veröffentlichungen zur Geschichte der Medizin und der Biologie; Fasc. XXI) (1967), Schwabe & Co. Basel/Stuttgart.

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Stannard, J.: Medieval hepatic therapy and some folk medical survivals. Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 6 (1988), 207-223, hier 208; K. E. Rothschuh: Konzepte der Medizin in Vergangenheit und Gegenwart. (1978), Hippokrates Stuttgart, 112, 116f., 133f.; W.-D. Müller-Jahncke, C. Friedrich, U. Meyer: Arzneimittelgeschichte. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. (2005), WVG Stuttgart, 207.

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G. Pabst (Hrsg.): Köhler’s Medizinalpflanzen in naturgetreuen Abbildungen mit kurz erläuterndem Texte. Bd. 2. [1893], Gera- Untermhaus Köhler, 178; Gehes Codex. 5., neubearbeitete Auflage. (1929) Schwarzeck Dresden, 597; R. Hänsel/O. Sticher (Hrsg.): Pharmakognosie – Phytopharmazie. 9., überarbeitete und aktualisierte Auflage. (2010), Springer Medizin Heidelberg, 986–990. Wir danken Frau Ulla Schwieger (Repha GmbH, Biologische Heilmittel) für die freundliche Auskunft und die Abbildung der historischen Arzneimittelpackung.

Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. Erster Band. 2., berichtigter Neudruck. (1938), Springer Berlin, 922 f.; K. Daniel/D. Schmaltz: Das Schöllkraut. (1939), Hippokrates Stuttgart.

H. Bock: Kreütterbuch. (1577), Rihel Straßburg, S. 306vf.; Mayer, J. G.: Cynara scolymus und Cynara cardunculus – die Artischocke. Kulturhistorisches Porträt einer wichtigen Arzneipflanze. Zeitschrift für Phytotherapie 24 (2003), 291-294.

Schadewaldt, H.: Der Weg zum Silymarin. Ein Beitrag zur Geschichte der Lebertherapie. Die Medizinische Welt (1969), Nr. 15, 902–914; R. Hänsel/O. Sticher (Hrsg.): Pharmakognosie – Phytopharmazie. 9., überarbeitete und aktualisierte Auflage. (2010), Springer Medizin Heidelberg, 1148–1152. Wir danken Herrn Matthias Oberst (Rottapharm/Madaus) für die freundliche Auskunft, das Informationsmaterial und die Abbildung der historischen Arzneimittelpackung.

 

Anschrift der Verfasserin

 

Privatdozentin Dr. Sabine Anagnostou

Institut für Geschichte der Pharmazie

Philipps-Universität

Roter Graben 10

35032 Marburg/Lahn

anagnost(at)staff.uni-marburg.de

Telefon 06421 2822829

Fax 06421 2822878

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