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HIV-Therapeutika

HAART gegen Multiple Sklerose?

28.01.2014
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Von Annette Mende / Spuren, die Virusinfektionen vor Tausenden von Jahren im menschlichen Erbgut hinterlassen haben, sind womöglich der Auslöser für Multiple Sklerose (MS). Das glaubt Julian Gold, Professor am australischen Albion College, herausgefunden zu haben. Stimmt seine These, ließe sich MS möglicherweise mit antiretroviralen Medikamenten therapieren. Ein anderer Professor Gold, der Bochumer MS-Experte Ralf Gold, ist skeptisch.

Thinking outside the box nennt man auf Englisch unkonventionelle Theorien, die gängige Denkschemata über den Haufen werfen. Sie können die Forschung entscheidend voranbringen – oder sich als unrealistische Hirn­gespinste entpuppen. Was von beidem auf Julian Golds Theorie zutrifft, ist momentan noch nicht absehbar. Spannend ist es aber in jedem Fall, was der HIV-Spezialist bei einer MS-Konferenz in Kopenhagen präsentierte.

 

Er begann sich mit dem Thema MS zu beschäftigen, als eine Frau in seinem engeren Bekanntenkreis daran erkrankte. Als Experte für Viruserkrankungen sichtete er zunächst die Literatur über Viren als mögliche Auslöser von MS. Dabei machte er eine erstaunliche Entdeckung: Obwohl MS und HIV-Infektionen nicht selten vorkommen und zu den am besten erforschten Krankheiten zählen, gab es nahezu keine Fälle, in denen HIV-Patienten an MS erkrankten. »In der Literatur sind in 30 Jahren insgesamt zehn Fälle beschrieben, von denen sechs fraglich sind«, so Gold.

 

MS-Auslöser im Erbgut

 

Nachfragen bei HIV-Kliniken in den USA, Europa und Australien sowie bei den medizinisch-wissenschaftlichen Abteilungen diverser Pharmahersteller bestätigten das: MS war als Komorbidität bei HIV-Infizierten unbekannt. Gold glaubt, dass das jedoch nicht an der HIV-Infektion selbst liegt, sondern an der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART), mit der HIV-Patienten behandelt werden. Diese unterdrücke außer den HI-Viren auch sogenannte humane endogene Retroviren (HER), die er für den Auslöser der Autoimmun­erkrankung MS hält.

 

HER sind Überbleibsel lange zurückliegender Virusinfektionen. Schätzungen zufolge machen sie 8 Prozent des menschlichen Erbguts aus. »Untersuchungen haben ergeben, dass HER im Gehirn von MS-Patienten hochreguliert sind«, so Gold. Im Labor habe man nachweisen können, dass HER Auto­immunität auslösen können. In einer – allerdings umstrittenen – Publikation in »PLoS Pathogenes« hätten Young Nam Lee und Paul D. Bieniasz von der Rockefeller Universität in New York 2007 außerdem gezeigt, dass HER reaktiviert werden können (doi: 10.1371/journal.ppat.0030010).

 

Gold selbst publizierte 2011 zusammen mit anderen im »European Journal of Neurology« den Bericht eines Falles, in dem ein Patient mit schwerer schubförmig remittierender MS sich mit HIV infizierte und auf eine HAART eingestellt wurde. Seine MS-Schübe, die zuvor mit Interferon nicht kontrollierbar waren, nahmen daraufhin ab und verschwanden schließlich ganz (doi: 10.1111/j.1468-1331.2011.03430.x).

 

Diesen Fallbericht nahm ein dänisches Team um Bjørn Andersen Nexø von der Universität Aarhus zum Anlass für eine mehrjährige epidemiologische Fallkontrollstudie mit 5018 HIV-Patienten und einer fast zehnmal so großen Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung. Von den HIV-Patienten erkrankte einer an MS, in der Kontrollgruppe 41. Statistisch bedeutete das eine (nicht signifikante) relative Risikoreduktion um 70 Prozent, schrieben die Autoren 2013 in »Epidemiology« und stellten fest, dass größere Studien nötig seien, um den Zusammenhang genauer zu untersuchen (doi: 10.1097/EDE.0b013e318281e48a).

 

Pilotstudie gestartet

 

Um diese kümmerte sich wiederum Gold, und zwar zusammen mit Epidemiologen der Universität Oxford. Sie werteten die Datenbank des britischen National Health Service (NHS) aus, in der die Daten aller in Großbritannien lebenden Personen erfasst werden, sobald diese medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Insgesamt lagen der Analyse 152 168 Personenjahre von 21 207 HIV-Patienten und 42 148 179 Personenjahre von 6 744 301 Kontroll­personen zugrunde. In dieser Untersuchung betrug das relative Risiko, als HIV-Patient an MS zu erkranken, im Vergleich zu Menschen ohne HIV-Infektion 0,38. Der protektive Effekt belief sich also auf 62 Prozent. »Den Epidemiologen in Oxford zufolge ist das der größte protektive Effekt eines einzelnen Faktors, den sie je gesehen haben«, sagte Gold.

 

Da in der Studie nicht erfasst wurde, ob die HIV-Patienten auf eine HAART eingestellt waren oder nicht, betrachteten Gold und Kollegen dieselbe Kohorte ein Jahr später nochmals. Sie gingen davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt die meisten HIV-Infizierten mit einer HAART begonnen haben. Das Ergebnis untermauerte die Annahme eines Schutzeffekts der HAART vor MS: Der protektive Effekt stieg auf mehr als 80 Prozent.

 

Gold ist überzeugt, dass antiretro­virale Wirkstoffe auch MS-Patienten helfen können. Es laufe bereits die Pilotstudie INSPIRE, in der Patienten mit schubförmig remittierender MS mit dem Integrasehemmer Raltegravir (Isentress®) behandelt werden. Von ihrem Ergebnis wird unter anderem abhängen, ob seine Theorie sich als visionär erweist oder in Vergessenheit geraten wird.

 

Skepsis von berufener Seite

 

HER als Ursache für MS wären nicht die erste Hypothese zur Krankheitsentstehung, die zunächst Aufsehen erregt, sich dann aber als haltlos herausstellt. »Natürlich sucht man immer wieder nach versteckten viralen Elementen, die für MS suszeptibel machen«, sagte Professor Dr. Ralf Gold von der Universität Bochum auf Nachfrage der Glutasource. Den einen Faktor, der zweifelsfrei als Auslöser der MS gelten könnte, hat man aber trotz aller Forschungsbemühungen noch nicht gefunden. Der MS-Experte erinnerte daran, dass vor etwa einem Jahrzehnt Herpesviren als mögliche Auslöser der MS im Gespräch waren. Therapieversuche mit Aciclovir waren jedoch erfolglos. Deshalb habe er eine gewisse Skepsis gegenüber der Theorie seines Namensvetters. /

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